BLOG - Loveparade 1998 (2 comments) | 27.07.2010
BeA - Im Sommer ’98 fuhr ich mit Freundin Ank nach Berlin zur Loveparade, unter anderem als Ablenkung von einer kurz zuvor statt gefundenen Trennung. Die ganze Stadt vibrierte, tänzelte, ein einziger fröhlicher Ausnahmezustand.
Vor dem offiziellen Veranstaltungsbeginn ein absolut irrer Zufall. In einer Kneipe auf dem Ku‘damm: Ank geht zur Toilette, kommt wieder und sagt: „Ich hab ihn ja nie gesehen, aber da vor dem Männerklo steht dein amerikanischer Ex-Freund!“ Unfassbar - eine Million Menschen und Ank hatte Travis tatsächlich in zwei Jahren nie zu Gesicht bekommen - und er war es. Trotz Trennung große Freude, irgendwann ging‘s dann entspannt los in einer großen Gruppe zur Parade.
Die Gruppe wurde durch die einfallenden und immer konzentrierter werdenden Horden bald auseinanderdividiert, Ank und ich blieben zusammen. Tausende, Abertausende Menschen groovten gemeinsam auf der Straße zum Platz, wo die „Kundgebung“ stattfinden sollte.
Es wurde immer voller, immer enger, aber da wirklich alle gut gelaunt waren, war das zunächst kein Problem. One Nation under a groove. Irgendwann stauchten die Paradewagen die Menge noch mehr zusammen, Ank und ich wechselten erste besorgte Blicke, denn nun war schon kein Platz mehr da, um einen Arm auszustrecken und ich bekam kurz richtig Schiss wegen der riesengroßen Wagen, die sich nur mit Zentimetern Abstand an uns vorbeischoben.
Wenige Minuten später realisierte ich, dass ich ab sofort nicht mehr in der Lage war, mich selbstständig zu bewegen. Ich WURDE bewegt. Die Menge hatte uns so dermaßen eingekeilt, dass es unmöglich war, sich dem entgegenzustellen, Ank und ich fassten uns an den Händen, ein Blick in ihre Augen zeigte mir spiegelbildlich meine beginnende Panik.
Und dann ging es los. Schockwellen gingen durch die Menge. Nicht den Hauch einer Chance, Ank festzuhalten. Ein letzter Blick, eine Hand in der Luft, weg war sie. Ich wurde von allen Seiten gedrückt und gleichzeitig geschoben, eine Kraft, die da auf mich einwirkte, Hände, Rücken, Arme, Beine, keinerlei Chance, zu jemanden direkt (Augen-)Kontakt aufzunehmen, es war nur noch eine einzige Masse Mensch.
Mich packte ein irrsinniger Überlebens(!)drang, ich begann, meine Beine nach oben zu nehmen, versuchte verzweifelt irgendwie eine Geschwindigkeit zu entwicklen, die mich über diese Masse brachte. Es rettete uns der offene Tiergarten (?), ein einziges schiebendes drängelndes riesengroßes Knäuel an Menschen, das schier explodierte, irgendwo an der Peripherie hatten andere zum Glück die leichten Absperrgitter niedergetreten, und alles rannte rannte rannte. Ich auch, musste man, denn sonst hätte die Menge m i c h überrannt.
Am Rand, wo es eigentlich ruhig war, und die Leute gar nichts mitbekommen hatten, aber nun in Sekundenschnelle die totale Action durch unsere flüchtende Menge ausbrach, bin ich über einen Rollstuhl gesprungen! Ein junger Mann saß darin, ich sehe seinen Blick noch heute. Ich bin kaum die Bohne sportlich und es ist mir bis heute ein Rätsel, wie mir das jemals gelingen konnte. Für Geld würde ich das nicht schaffen.
Ich bin dann circa 5 Stunden durch Berlin zurück zu unserem Auto auf dem Ku‘damm gelaufen, ich habe kilometerweite Umwege gemacht, um jede Menschenmenge zu vermeiden. Eine Stunde später kam auch Ank endlich am Auto an, eine weitere Stunde verbrachten wir schweigend sitzend, bis wir dann nach Lübeck zurückfuhren. Ich glaube, auch da haben wir kaum geredet.
Tagelang habe ich recherchiert, was da eigentlich genau passiert war. Klar, es war nur ein winziger Teil der Parade, die ’98 glaube ich, das erste Mal die Millionen-Grenze geknackt hatte, aber es MÜSSEN Hunderte, wenn nicht Tausende mitbekommen haben. Nichts, kein Ton, kein Wort. Das einzige erwähnte Vorkommnis war eine Messerstecherei, die aber nur sekundär mit der Loveparade zu tun hatte. Erst heute, im Zusammenhang mit der Duisburger Tragödie schrieb irgendwo einer in einem Kommentar von genau diesem Erlebnis.
Er schreibt auch, dass er bis heute Probleme mit Menschenmengen hat. Ich auch. Und nicht nur das. In mir steigt bereits Panik auf, wenn sich ein (Auto!) Stau abzeichnet. Vorne und hinten „eingekeilt“, keine Fluchtmöglichkeit - das ertrage ich nur noch mit geschlossenen Augen. Und das, obwohl die Geschichte zwölf Jahre her und mir damals nicht einmal ernsthaft etwas passiert ist. Wofür ich heute n o c h dankbarer bin. Und am dankbarsten bin ich wahrscheinlich, dass meine Töchter noch zu klein sind, um ein solches Event mitzuerleben...
Mein Beileid für die Opfer und deren Angehörigen. Meine Wut für die Verantwortlichen. Unfassbar.
Grille 2010-07-27 13:18:17
Ich glaube diese Panikerfahrung kann man überall ausgesetzt sein. Erinnern wir uns an Bilder von der Eröffnung mancher "Geiz ist Geil" Läden. Also egal wo, diese Erfahrung will man nicht machen. 6mal Loveparade durfte ich ohne Sorge erleben auch gerade wegen Ausweichzonen wie dem Tiergarten. Auf der 7. blieb es mir nur durch einen Zufall oder auch Glück??? erspart. Trotzdem reichen mir diese Erfahrungen die man am "Rande" machen musste. Die von dir beschriebene Flucht zum Auto wäre in DU nicht möglich gewesen weil fast alle Hauptwege zur Seite hin abgeriegelt waren. Das schon vorher gestörte Handynetz half auch nicht auf der Suche nach einem Kumpel der durch den o.g. Zufall tatsächlich auf dem Weg in den Tunnel war (dem es aber zum Glück gut geht). Da wir ja brav dem Rat gefolgt sind und die Bahn zu Anreise genutzt haben, hatte zur Folge das man auch Stunden später nicht aus dieser Stadt raus kam. Das Chaos am Bahnhof ist ja nicht wirklich beschrieben worden. Klingt komisch, ich war erstmal damit beschäftigt Freunde in irgendwelchen Strassenecken zu finden und am Ende vermutlich dein Gefühl hören zu müssen weil eine Freundin sich in diesem Chaos verirrt hat. Noch heute wäre ich über mein rationales Denken von Samstag froh. Es ist tatsächlich einfacher Leute daraus holen zu müssen als darüber nachzudenken was eigentlich los war. Ich möchte nicht wissen oder nachfühlen müssen wie es den Leuten im Tunnel ging.
BeA 2010-07-27 14:27:54
Gut, dass ich nicht wusste, dass du da bist (obwohl das natürlich klar war) mir reichten schon die Twittersuchmeldungen von Menschen, die ich NICHT kenne. DAS ist ja das Furchtbare - es geschah, weil sich die Leute an die Vorschriften gehalten haben und weil sie den Organisatoren und Veranstaltern VERTRAUT haben. Ganz egal, wie und wer irgendwann von einem Gericht schuldig oder frei gesprochen wird: Jeder, der auch nur einen Hauch Verantwortung für diese Tragödie trägt, weiß das selbst. Und muss sich und seine beschissene Drecksvisage bis ans Ende seiner Tage ertragen---
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