Juni 26, 2026

HL-1.tv

Das Lübecker Statdfernsehen

Brutalistische Villa am Meer: Chloé Nègre erweckt ein Architekturjuwel der 1960er-Jahre auf Korsika zu neuem Leben

Ein Ferienhaus zwischen Beton, Natur und mediterraner Landschaft

An der Südküste Korsikas, nur wenige Schritte von einem feinsandigen Strand entfernt, erhebt sich ein markanter Baukörper aus weißem Beton auf einem Sockel aus rötlichem Naturstein. Von außen wirkt die Villa zunächst nahezu geschlossen, fast skulptural. Doch hinter ihrer strengen, brutalistischen Erscheinung verbirgt sich ein lichtdurchflutetes Ferienhaus mit spektakulärem Blick auf das Mittelmeer.

Die Pariser Innenarchitektin Chloé Nègre hat das Gebäude aus den 1960er-Jahren umfassend saniert und dabei dessen architektonischen Charakter bewahrt. Entstanden ist ein Rückzugsort, der die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum nahezu auflöst und die umgebende Landschaft in den Mittelpunkt stellt.

Architektur mit direkter Verbindung zur Natur

Offene Räume und freie Sichtachsen

Für Chloé Nègre lag der besondere Reiz des Hauses im Spannungsverhältnis zwischen seiner massiven Bauform und der Leichtigkeit, mit der es sich zur Küste hin öffnet. Die Designerin kennt die Region seit ihrer Kindheit, da sie viele Ferien bei ihren Großeltern auf Korsika verbrachte.

„In dem Moment, in dem man diese Villa betritt, sieht man, welch einzigartige Beziehung sie zur Landschaft besitzt. Das ist wirklich eine ganz außergewöhnlich sinnliche Erfahrung“, erklärt Nègre.

Diese Verbindung zur Natur war bereits Teil des ursprünglichen Entwurfs. Offene Raumstrukturen ermöglichen Blickachsen auf Meer, Himmel und Vegetation. Ergänzt werden sie durch traditionelle Trockensteinmauern, die sowohl im Innen- als auch im Außenbereich typisch für die korsische Architektur sind.

Bei der Neugestaltung legte Nègre großen Wert darauf, diese Qualitäten zu erhalten. Terrasse und Garten wurden so gestaltet, dass sie die Landschaft ergänzen, ohne mit ihr zu konkurrieren.

Materialien im Dialog mit der Umgebung

Für die Terrasse wählte die Innenarchitektin einen Belag aus rötlich-violettem Porphyr, eingefasst von einer niedrigen Brüstung aus hellem Naturstein. Auch bei der Möblierung setzte sie auf Zurückhaltung.

Die grünen Outdoor-Möbel der Brüder Bouroullec greifen die Farben der mediterranen Vegetation auf. Im Wohnbereich hinter den großflächigen Panoramafenstern sorgen Sofas von Michel Ducaroy für Ligne Roset für eine harmonische Verbindung von Architektur und Landschaft. Ihre Bezüge changieren zwischen Dunkelbraun und Olivgrün.

„Was mir an diesem Haus gefällt, ist der Kontrast zwischen dem scharfkantigen Beton und dem Chaos der traditionellen Steinmauern“, sagt Nègre.

Behutsame Modernisierung statt radikaler Veränderung

Die Identität des Hauses bewahren

Im Inneren wurde die Raumorganisation neu strukturiert. Die Eingriffe bleiben jedoch bewusst dezent, um die ursprüngliche Architektur wirken zu lassen.

Diese Herangehensweise prägt viele Projekte der Designerin. Nach ihrem Studium an der renommierten École Camondo arbeitete sie vier Jahre im Studio von India Mahdavi, bevor sie 2015 ihr eigenes Büro in Paris gründete. Bekannt ist sie für die sensible Modernisierung bestehender Gebäude, bei der historische Substanz und zeitgemäßer Wohnkomfort in Einklang gebracht werden.

Auch auf Korsika war ein hohes Maß an Feingefühl gefragt. So wurde beispielsweise eine Fußbodenheizung integriert. Anschließend ließ Nègre den Marmorboden detailgetreu nach historischem Vorbild rekonstruieren, sodass die technische Modernisierung nahezu unsichtbar bleibt.

„Für alle Bereiche der Gestaltung galt als oberste Priorität, die Identität des Hauses zu berücksichtigen“, betont die Designerin. „Da hieß es, diskret vorzugehen.“

Inspiration aus den 1960er- und 1970er-Jahren

Zeittypische Gestaltung mit modernem Komfort

Die Gestaltung orientiert sich konsequent an der Entstehungszeit der Villa. Türgriffe, Badarmaturen und zahlreiche Einrichtungsdetails greifen die Formensprache der 1960er- und 1970er-Jahre auf.

Im Salon ergänzen Rattanmöbel die ikonischen „Togo“-Sofas und Sessel von Michel Ducaroy, die seit ihrer Einführung im Jahr 1973 als Designklassiker gelten. Die Schlafzimmer setzen die Retro-Ästhetik noch deutlicher um: Gelb gestreifte Bettkopfteile mit kreisförmigen Elementen erinnern an die gestalterische Experimentierfreude jener Zeit.

Eine weitere Hommage an die ursprüngliche Architektur ist die Holzverkleidung der Wohnzimmerdecke. Sie verleiht dem Raum Wärme und schafft zugleich eine Verbindung zur natürlichen Umgebung.

Fassade bleibt nahezu unverändert

Während das Innere sorgfältig modernisiert wurde, blieb die äußere Erscheinung der Villa weitgehend erhalten. Der weiße Betonputz wurde erneuert, jedoch mit derselben Struktur und Materialwirkung wie in den 1960er-Jahren.

Dadurch bewahrt das Gebäude seinen charakteristischen Ausdruck und wirkt zugleich zeitlos modern. Gerade in einer Epoche, in der viele historische Bauwerke grundlegend umgestaltet werden, zeigt dieses Projekt, wie behutsame Sanierung den ursprünglichen Charakter eines Hauses stärken kann.

Ein Rohdiamant an der korsischen Küste

Mit ihrer Renovierung hat Chloé Nègre einem außergewöhnlichen Bauwerk neues Leben eingehaucht, ohne dessen Identität zu verändern. Die Villa verbindet die klare Formensprache des Brutalismus mit der Schönheit der korsischen Landschaft und schafft so einen Ort, an dem Architektur und Natur in einen kontinuierlichen Dialog treten.

Für die Designerin steht fest, dass der besondere Zauber des Hauses bis heute ungebrochen ist: „Dieses Haus ist ein Rohdiamant, heute vielleicht mehr denn je.“